Mehr Kinder in Gefahr
Jugendamt schreitet öfter ein
Burscheid. Es war gut gemeint, als Margit Theimann-Weiler spontan ein Kleinkind auf den Arm nahm, um es zu seiner Mutter zurück zu bringen. Es war bedenklich nah an eine Rolltreppe zu gekrabbelt und Theimann-Weiler malte sich aus, was alles passieren könnte. Perplex war sie über die Reaktion der Mutter: „Wissen sie eigentlich, wie anstrengend so ein Kind ist“, fuhr sie die aufmerksame Helferin an. Die weiß in der Tat, wie anstrengend Kinder sein können. Denn sie leitet das evangelische Kinderheim in Burscheid.
Seit einiger Zeit würden immer jüngere Kinder aufgenommen. Probleme, die bislang im Ländlichen nicht so gravierend waren, seien auch in ihrer Einrichtung spürbar. Das deckt sich mit dem, was Thomas Strasser vom Jugendamt berichtete: „Die Aufgaben mehren sich.“ Beide waren wie Inge Wirths vom Familienzentrum Schützeneich und Carmen Linke-Blumberg vom Kinderschutzbund der Einladung des CDU-Stadtverbandes und der Ratsfraktion gefolgt. Zum Auftakt eines Gedankenaustauschs mit Burscheider Fachleuten wurde über „Kindeswohl“ diskutiert.
Der Begriff der Kindeswohlgefährdung hat spätestens seit dem Fall Kevin an Brisanz gewonnen. Der Junge war 2006 von seinem Ziehvater in Bremen zu Tode geprügelt worden. Der Fall sorgte deshalb für Aufmerksamkeit, weil viele vom Schicksal des Zwölfjährigen wussten, aber nicht eingriffen. Seitdem mehren sich die Hinweise auf mögliche Kindeswohlgefährdungen. Wurde das für Burscheid, Kürten und Odenthal zuständige Jugendamt 2007 in 36 Fällen tätig, waren es 2009 bereits 90 Fälle, davon 30 in Burscheid, die übrigen in Kürten und Odenthal. In 15 Fällen gab es Beratung durch das Jugendamt, in weiteren 15 Fällen zur Erziehung, fünf Fälle führten zu einer stationären Unterbringung. Strasser nannte Vernachlässigung, körperliche Misshandlung, sexuellen Missbrauch und seelische Misshandlung.
Es fehlt Kontakt zu Schulen
Es sprach von „tief greifenden Veränderungen“ im Leben junger Eltern, von zunehmender Gewaltbereitschaft aber auch Hilflosigkeit angesichts von Problemen wie Arbeitslosigkeit und Schulden. Beim präventiven Angebot, Beratung und Unterstützung bescheinigte Strasser Burscheid eine gute Versorgungsquote. Aber man müsse aufmerksam und sensibel bleiben, forderten Wirths und Lienke-Blumberg. Während es bei Kindergärten und Familienzentren bereits ein gutes Netzwerk zu Erziehungsberatungsstellen, Behörden und Kinderschutz gebe, seien Kontakte zu Grundschulen und offenem Ganztag ausbaufähig. Von der TG Hilgen kam der Vorschlag, die Übungsleiter in Sachen Kindeswohl zu schulen.
Kölner Stadtanzeiger vom 15.05.2010
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