Ein Baum für die Liebste

Feiertag – Manches geht, anderes bleibt. Zum Beispiel der Maibaum. Zahlreiche Jugendliche standen gestern an, um einen zu ergattern. 

Burscheid. Bei den einen tobt die Pubertät, die anderen haben das Gymnasium gerade verlassen. Aber sie kommen. Alle. Weil´s Tradition hat, weil die Freundin drängelt oder weil das Abenteuer wartet. Das Abenteuer muss tatsächlich warten.
 
Als die Mitglieder der Jungen Union die ersten Maibäume vom Transporter heben, weicht die menge erschrocken zurück. Nein, mit diesen Maßen haben die Jugendlichen nicht gerechnet. „Das sind drei Meter, bestimmt“, sagt einer und: „Nimm besser den kleinen da“, „Ach, das kriegen hin“, sagt Jan Aßmann. Aßmann hat Erfahrung, der Maibaum wird nicht der Erste sein, den er einem Mädchen vor die Tür stellt.
 

Die Überraschung macht´s – Notlügen sind am 30. April erlaubt

 
Und das Mädchen , weiß es Bescheid? Aßmann hält sich bedeckt. Er habe noch nicht entschieden, wer den Baum bekommen soll. Gibt es etwa zwei Kandidatinnen? Kein Kommentar. „Ich mache das, weil es Tradition hat und weil´s Spaß macht“, sagt der 21-jährige stattdessen. Apropos Tradition. Freund Christian Flink merkt an, dass Mädchen, die bis zum 1. Juni nicht erraten hätten, von wem der Baum stammt, dem Maibaumaufsteller einen Kasten Bier ausgeben müssen. „Mir hat noch nie ein Mädchen einen Kasten Bier ausgegeben“, sagt er und klingt ein wenig brüskiert. Er und Freund Flink wollen am Abend alleine losziehen. Arne Ebbinghaus trifft sich mit neun Freunden im Schuppen auf ein Glas Bier. Danach klappern die Freunde ein Haus nach dem anderen ab. Der Freundin, der Ebbinghaus den Baum schenken will, hat der 21-Jährige erzählt, er sei auf einen Geburtstag eingeladen. Dass sie das geschluckt hat, glaubt er selbst nicht: „Aber das gehört einfach dazu.“ Ebbinghaus glaubt fest an den Sinn der Tradition. Schließlich hätten er und seine Freundin im vergangenen Jahr zusammengefunden, weil er ihr einen Maibaum setzte. „Nein, ich sag´s mal so: Es ist positiv aufgenommen worden.“
 
Marcel Willms ist 16 Jahre alt. Seine Erinnerungen an den 30. April des vergangenen Jahres sind nicht gut. Diesmal will er alles richtig machen und hat seine Mutter und die ihr Auto mitgebracht. Mutter Ilona Willms hat sichtlich Freude an der Aktion. Ihren Sohn wird sie am Abend alleine losziehen lassen, er hat es nicht weit. Sie sagt, was auch die Jugendlichen immer wieder sagen: „Das gehört einfach dazu.“
 
Peter Tillmanns ist der einzige, der nicht ins Schema passt. Er hat es nicht weit, die Auserwählte wohnt praktisch im selben Haus. Tillmanns Kinder sitzen auf der Rückbank, als er den Baum auf das Dach seines Wagens hievt. In den vergangenen Jahren habe er den 1. Mai im Urlaub verbracht. Aber in diesem Jahr sei er zu Hause, also bekomme die Frau auch einen Maibaum. „Ich schmücke den Baum noch heute Nachmittag und wenn ich die Gelegenheit habe, schleiche ich mich kurz aus dem Haus“ sagt er. So ist das eben: Die Tradition stirbt einfach nicht aus.
 
 

Bergischer Volksbote vom 1.05.2010



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